Hingabe

Es gibt zweierlei Arten von Hingabe.


Wie das Wort schon aussagt, wird eine Trennung zwischen mir und einem Phänomen vorausgesetzt: Es gibt ein Ding, dem ich mich hingeben möchte. Die durchaus geläufige Art Hingabe zu praktizieren und zu verstehen ist also die, dass ich mich vorerst abtrenne von Situationen, Personen und auch z.B. Gefühlen in mir und mich dann in Hingabe zu diesen Phänomenen übe. Dies kann man als Technik verstehen, das „Ego“ Schritt für Schritt außer Kraft zu setzen. Dieser Weg ist nicht immer einfach, da er Tücken und Fallen bereit hält. Denn wir gehen auf dem sehr schmalen Grad zwischen echter „Egoschmelze“ auf der einen Seite und Vermeidung und Fatalismus auf der anderen Seite, wo wir jedoch eigentlich mit Hilfe unseres Egos zur Tat schreiten müßten, um die Schleier der Maya zu lüften. 

Dies ist also ein Weg, der viel Erfahrungswissen und Unterscheidungsvermögen voraussetzt bzw. auch umgekehrt dieses Wissen und Unterscheidungsvermögen durch Beschreiten dieses Weges erzeugen kann. Unterscheidungsvermögen ist das A und O. Wenn ich diesen Weg der Hingabe zum Erwachen eingeschlagen habe, muß ich lernen zwischen Selbst und Nicht-Selbst zu unterscheiden und danach mein Handeln auszurichten. Wenn mir das gelingt, meistere ich den schmalen Grad und komme früher oder später unweigerlich an den Punkt, wo das Rad der Unwissenheit durchschlagen wird und Erwachen geschieht.

Die zweite Art von Hingabe ist ein Seinszustand, der im Grunde ein anderes Wort als „Hingabe“ verdient, da er die Trennung zwischen dir selbst und anderen Dingen aufgehoben hat. Es gibt nichts mehr getrennt von dir, dem du dich hingeben zu üben entscheiden würdest. „Alles ist ständig hingegeben.“ Und jedes Beschreiben enthält und suggeriert Trennung. Das haben Worte an sich. Diese Hingabe, die kein Tun und keine Entscheidung ist, ist der Grundzustand nach dem Erwachen. Du bist Hingabe.
In diesem Seinszustand gibt es auch immer noch Erfahrungen und Situationen, doch du bist wie verschmolzen mit ihnen, kannst also gar nicht in schmerzhafte Trennung und Widerstand gehen. Auch wenn scheinbar leidhafte Dinge passieren, geschieht keine Trennung in dir, und das ist der Grund, warum das Leid nicht wie Leid empfunden wird. Du erfährst vielleicht in dir Widerstand, aber du trennst dich nicht mehr ab. Du bist dann der Widerstand und bist einverstanden, ohne dass du das so benennen würdest.