Jeder ist das EINE Bewusstsein


Die Themen, die es in diesem Artikel zu behandeln gilt, sind Erwachen & Erleuchtung // Mensch-Sein & Alltag. Es sind viele Begriffe, die sehr unterschiedlich interpretiert werden können, je nach dem, aus welcher Perspektive sie betrachtet werden. Ich möchte mit den unterschiedlichen Sichtweisen von Advaita Vedanta und Neo Advaita beginnen, weil ich diese Unterscheidung für sehr wesentlich halte und es meine Perspektive klar macht.

 

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Advaita Vedanta versus Neo Advaita
Advaita Vedanta geht auf Shankara, Sri Ramana Maharshi, Lehren der Veden und Upanishaden zurück und hat das Ziel der höchsten Einsicht - Brahman/Atman.
Shankara, wie auch Sri Ramana Maharshi vermitteln die Unterscheidungsfähigkeit (Viveka) zwischen Wirklichkeit und Erscheinung. Dazu dient die Selbsterforschung, die die Aufmerk-samkeit von den Erscheinungen abzieht und den Seinsgrund ICH BIN realisiert.
Im Neo Advaita wird dieser Unterscheidung kein Wert beigemessen, sondern mental ange-nommen, dass alles, was sich jetzt zeigt „Göttlich“ (Brahman/Atman) und eine Einheit ist. Mit dieser Sichtweise hat alles seine Richtigkeit und braucht nicht hinterfragt werden. Dass alles „Göttlich“ ist, ist aber der zweite Schritt aus der Sicht des ursprünglichen Advaita Vedanta  – „Tat vam asi“ – „Ich bin alles“. Der erste und für mich wesentliche Schritt wird übergangen, nämlich die Frage „Wer bin Ich?“ und deren Vertiefungen, solange bis das Selbst beständig realisiert ist. Erst daraus entsteht das „Sehen“:  Alles ist Brahman. Shankara hat eindrücklich davor gewarnt, solange Brahman/ Atman nicht realisiert ist, „Ich bin Brahman“ (= Alles) zu verwenden, denn dann bleibt es ein mentales Konzept.
Der zweite Punkt, der Neo Advaita und Advaita Vedanta wesentlich unterscheidet, ist das Umgehen mit den Begehrenssamen und Widerständen (Vasanas – Neigungen). Im Neo Advaita geht man, wenn überhaupt, eher in die psychologische Aufarbeitung und hofft auf  mentale und emotionale Klärung. Advaita Vedanta hat hier einen völlig anderen Ansatz. Begehrenssamen werden in dem Moment, wo sie auftauchen, erkannt und nicht ausgelebt. Sri Ramana Maharshi nannte das „Verbrennen der Vasanas“, denn es brennt im Inneren, wenn der Neigung nicht nachgegeben wird. In unserer westlichen Kultur sind die Vasanas der Ich-Darstellung (Ich bin Jemand), des Verbunden seins (angenommen sein) und des Wissen wollens (Sicherheit und Kontrolle) sehr verbreitet. Natürlich wird für diese  Art der Bewusstheit eine bestimmte Eigenschaft gebraucht – Achtsamkeit. Achtsamkeitsschulung ist daher unbedingt erforderlich, genauso wie das Hören und Reflektieren der Lehre aus den Veden und Upanishaden. Neo Advaita stellt sich, soweit ich es sehen kann, außerhalb jeder Lehre und eines Weges.
Zugegeben, einen wirklichen Weg gibt es auch im Advaita Vedanta nicht, sondern Selbster-kenntnis, die die Unwissenheit und die Täuschung des Getrenntseins aufhebt, sowie Reinigungs- und Geistesprozesse, sodass sich auch das Denken wandeln kann.
Das Hören der Lehre des Advaita Vedanta und dessen Reflektionen bringen Zusammen-hänge ins Bewusstsein, die ursprünglich auf dem Gefühl von Trennung und Entfremdung von unserem Selbst basieren und durch Missverständnisse im Verstand entstanden sind. Einsichten und das Verinnerlichen dieser bewirken ein anderes Denken als bisher und damit auch ein anderes Handeln.
Letztlich ist im Advaita Vedanta ein Meister (Lehrer) unerlässlich, im Neo Advaita dagegen wird weitgehend auf einen Meister verzichtet. Wozu dient ein Meister im Advaita Vedanta? Dazu später mehr.
Meine Perspektive auf die oben angeführten Begriffe ist aus dem Advaita Vedanta, also der ursprünglichen Tradition nach Shankara und Sri Ramana Maharshi.


Erwachen und Erleuchtung
Um auf diese Thematik tiefer eingehen zu können, verwende ich gerne ein mentales Schaubild von Shankara und einige, vielleicht noch nicht bekannte Begriffe aus dem Vedanta Yoga. Brahman/ Atman ist die einzige Wirklichkeit, aus der heraus Jiva-Atman (Seele) hervorgeht. Jiva-Atman manifestiert sich in fünf Hüllen, die dichteste davon ist Annamaya-kosha, die physische Körperhülle. Eng verbunden damit sind Pranamayakosha, die elektro-magnetische Energiehülle und Manomayakosha, die Verstandeshülle. Diese drei Hüllen bilden die Individualität des Menschen. Man nennt dies auch die „Schwarze Nacht der Seele“ – ich nenne es gerne „Das Gefängnis der Seele“, eine Art Trance, aus der nur wenige aus sich selbst heraus erwachen. Die meisten Menschen sind mit diesen drei Hüllen identifiziert, ohne dass es ihnen bewusst ist. Diese Hüllen halten die Achtsamkeit gefangen und man erlebt immer wieder die gleichen gedanklichen und emotionalen Muster, die letztendlich als leidvoll erlebt werden. Es ist eine Trance, die sich in sich selbst ständig wiederholt (z.B. „Ich bin nicht gut genug.“)
Die zwei höher schwingenden Hüllen sind Buddhimayakosha, das reine ICH BIN und Anandamayakosha, die Glückseligkeitshülle. Beide sind jenseits des individuellen Menschseins. In diesen Hüllen erfahren wir bedingungslose Liebe, tiefen Frieden, absolute Freude, allumfassende Klarheit, Licht-Intelligenz, Intuition und Freiheit, unabhängig von „äußeren Situationen“.
Erwachen in diesem Zusammenhang geschieht, wenn die Seele nicht mehr in der Dunkelheit gefangen ist, sondern aus den beiden kausalen Hüllen heraus lebt. Man nennt das im Vedanta „Jivamukti“ – die befreite Seele.
Die Frage, die sich stellt, ist: kann etwas dafür getan werden, dass sich die Seele von der Dunkelheit befreit? Ja - und zwar sehr viel. Das Erste, was geschehen darf, ist, dass die Dunkelheit sich öffnet und das Licht der oberen Hüllen bewusst wird. Das kann spontan, durch einen Schicksalsschlag und /oder durch das Zusammensein mit einem Meister (Guru = von der Dunkelheit ins Licht) geschehen. Es ist die erste „Schauung“ der Wahrheit.
In Folge werden die aufsteigenden Erscheinungen auf ihre Wirklichkeit hinterfragt (Unterscheidungsvermögen und Selbsterforschung) und die Gegenwärtigkeit als Stille erlebt. Für viele ist es eine große Hilfe, sich bewusst zu machen, dass das imaginäre Ich nicht das ist, was wirklich handelt. All das geschieht solange, bis das ICH BIN beständig und zweifelsfrei  ist oder ein „Shift“ passiert – Erwachen aus der Dunkelheit ins Licht.
Ist die Seele befreit, arbeitet der Verstand unter einem anderen „Meister“. Nicht mehr wie zuvor aus dem Reptilgehirn (Kampf, Flucht oder Erstarrung) und den Lymphischen Drüsen (Emotionalität), sondern über die Hypophyse (Intuition).
Das Zusammensein mit einem Meister fördert diesen Prozess des Erwachens in vielerlei Hinsicht. Einerseits werden das Licht, die Stille und die Wahrheit immer und immer wieder in den Vordergrund gebracht und andererseits können Vasanas verbrennen, die bis dahin das ICH BIN überlagert haben.
Oft hört und liest man: „Es gibt nichts zu tun!“
Hier fehlt ein wesentlicher Teil des Satzes: „…für das, was du bist“
Also: „Es gibt nichts zu tun, für das, was du bist!“
Was möchtest du tun für das, was du bereits bist? In diesem Fall: ICH BIN!
Sei, was du bist und durchschaue und verbrenne die darüber liegenden Vasanas.
Wenn ein weiterer „Shift“ passiert, vom ICH BIN zu ATMAN, dann nenne ich das Erleuchtung. Aus sich selbst heraus leuchtend – von nichts abhängig. Dazu kann nichts getan werden, einzig die Präsenz eines verwirklichten Atman in Form eines Meisters kann das Leuchten verstärken. Wenn der Apfel reif dafür ist, fällt er selbst vom Baum.
Das reine ICH BIN kennt Erwachen nicht, so wie Atman Erleuchtung nicht kennt.
Beide Begriffe Erwachen und Erleuchtung existieren ausschließlich im dualen Kontext.
In allen fünf Hüllen finden wir die Silben „maya“. Sie bezeichnen die Projektionskraft, durch die die Hüllen entstehen. Das einzige außerhalb von Maya ist Brahman/ Atman, jenseits des Traumes. Das ICH BIN ist genauso Bestandteil des Traumes wie die Nondualität, die Dualität, der Körper und das Denken. Erwachen aus dem Traum bedeutet, Brahman/ Atman zu realisieren.
Diese Tatsache ist nur sehr wenigen bekannt, weil sie meist in einer Meister-Schüler Beziehung vermittelt wird. Dazu jetzt ein wenig mehr: Für den Meister gibt es diese Beziehung nicht wirklich, denn er (oder sie) sieht auch den Schüler als Reines Bewusstsein (ICH BIN) und Atman. Zum Transzendieren einiger festgefahrener Glaubenssätze, geistiger Einstellungen (Widerstände) und dem Autoritätsthema mag dieser Ausdruck Meister-Schüler Beziehung sehr hilfreich sein, vor allem im Bezug auf Bhakti – die Liebe des Seins.
Das Zusammensein mit oder die Beziehung zu einem Meister unterstützt dich, aus der Dunkelheit aufzutauchen und das Licht zu erkennen und darin zu verweilen. In seiner Präsenz kann sich das Sein stabilisieren und Muster können sich auflösen. In der vollkommenen Hingabe an den Meister geschieht Eins Sein – das Eine ohne ein Zweites.
Die vollkommene Hingabe (Bhakti) erweckt die Liebe des Seins, die in allem, was ist, enthalten ist.
In unserem Leben geht es grundsätzlich darum, die Täuschung „getrennt zu sein“ zu durchschauen und den Irrtum und die Unwissenheit in Bezug auf das Selbst durch Selbsterkenntnis aufzuheben. Dazu braucht es keinen Weg, sondern nur das Licht, das die Dunkelheit vertreibt. (Guru = von der Dunkelheit ins Licht)
Wohin geht die Dunkelheit, wenn das Licht den Raum erhellt?

Das Praktizieren von Achtsamkeit, Selbstergründung, Unterscheidungsvermögen, Meditation und Stille verleihen dem Licht des Bewusstseins Beständigkeit. Ist das ICH BIN realisiert, eröffnen  sich spezielle Essenzen, mit denen die unteren Koshas erhellt werden können. Vor allem der Ausdruck der intuitiven und kreativen Intelligenz verändert das Erleben der „Welt“ in eine absolut harmonische Richtung.
Möge die Übung gelingen!

Mensch - Sein
Mensch sein, und das mag für viele befremdlich wirken, ist in sich bereits ein Widerspruch. Der Mensch ist eine Projektion des Bewusstseins über den Verstand und damit unwahr, weil diese nicht beständig ist. SEIN dagegen ist das einzig Beständige im Leben. „Mensch sein“ kann auch nicht erlebt werden, es ist wie das imaginäre Ich, eine geistige Zusammenfassung von bestimmten Eigenschaften. Das, was wir erleben können, ist der menschliche Körper, im Unterschied zu tierischen oder pflanzlichen. Wir können bestimmten Gedanken menschliche Charaktere, Emotionen oder Verhaltensmustern zuordnen, aber der Mensch selbst ist nicht erlebbar. Wenn wir daran glauben, ein Mensch zu sein, erfahren wir das auch, weil alles, was wir glauben zu unserer Erfahrung wird. Wer oder was ist das, was diese Erfahrungen macht?
Für mich existiert nur Atman und Bewusstsein, alles andere wie „Mensch sein“ ist eine Idee im Bewusstsein. Wir können niemals etwas Anderes sein als Bewusstsein. Es ist eine Rolle wie Vater, Mutter, Bruder, Geschäftsmann, Meister, Schüler oder „Mensch sein“, mit der wir uns fälschlicherweise identifizieren. Wie schon der große Meister vor 2000 Jahren sagte:
„In dieser Welt, aber nicht von dieser Welt“.

Alltag
Alltag ist ein Begriff des Verstandes, der damit eine bestimmte Zeitqualität und bestimmte Handlungen zusammenfasst. Oft wird von spirituellen Suchern mit dem Alltag die Angst vor dem „Verlust“ des Seins gerechtfertigt, die in die Zukunft oder einen in der Zukunft liegenden imaginären Raum (Alltag) projiziert wird. Der Verstand behält damit die Oberhand und der Sucher bleibt in der Dunkelheit gefangen.
In der Phase, in der das ICH BIN noch unstabil ist, ist die Herausforderung, sich nicht mit der Aufmerksamkeit in die morphogenetischen Felder und damit in alte Muster hineinziehen zu lassen. Von diesen Feldern gibt es einige. Das morphogenetische Feld der Familie, der Partnerschaft, der Gesellschaft oder des Business zum Beispiel.
Meist geht es darum, die vom Verstand gestaltete Geschichte mit dem Hauptdarsteller „Ich“ weiter zu führen, um jemand zu sein - und am besten mit Erfolg. Das einzige heilsame morphogenetische Feld ist die Natur. Sie führt uns oft zurück zu uns selbst.
In Wirklichkeit ist es ganz einfach. Es erscheinen fünf Elemente: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther. Äther ist der Raum des unendlichen Bewusstseins, wie der klare Sternenhimmel.
Die Sterne in diesem Beispiel sind die weiteren vier Elemente: der Körper, die Emotionen, die Energien und die Gedanken. Sie alle erscheinen im Bewusstsein, sie kommen und gehen. Nichts Anderes geschieht jemals, alle anderen Vorgänge und Zusammenhänge kreiert der Verstand durch die Erschaffung seiner eigenen Welt.
Sei DAS, was Du wirklich bist!
Ich wünsche allen Lesern dieses Artikels und dieses Buches innere Einsichten und die Erkenntnis des Selbst! Möge Friede und Liebe sein in allen Wesen des Universums!
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